Lokalbahnhof

Nicht nur der tägliche Einstieg ins Chaos

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Erasmus Erfahrungs-Bericht

Juli 15th, 2010 · 11 Kommentare

Mein Erasmus-Semester ist zu Ende – was allerdings nicht bedeutet, ich wäre wieder zurück in Frankfurt. Glücklicherweise hat meine Bewerbung auf ein DAAD-Anschlussstipendium geklappt und ich werde noch bis mindestens Dezember hier studieren und im Januar/Februar nochmal zum Klausuren schreiben vorbeischauen.

Da aber Erasmus es so will (naja, also nicht direkt er, auch wenn er als Namensgeber herhalten muss), ist ein Abschlussbericht anzufertigen. Da ich ihn nun mal geschrieben hab und er auch einiges über das Leben und mein Erleben in Bulgarien enthält werde ich ihn Euch nicht vorenthalten. Auch wenn er etwas lang ist – in DIN A4 sollen es 11 Seiten sein, behauptet mein OpenOffice – es zwingt Euch ja keiner, Ihn zu lesen ;-) Trotzdem ist’s vielleicht für den ein- oder anderen Bulgarien Bereisenden interessant. Bei Fehlern: Kommentiert bitte oder schreibt mir eine E-Mail: einfach ein „fips@“ vor die Domain lokalbahnhof.net setzen.

LLP/E R F A H R U N G S – B E R I C H T

Erste Woche, Formalitäten, Behördengänge

Mein Auslandssemester in Bulgarien fing mitten im Winter mit der Ankunft auf Bulgariens Flughafen an. Nach der Anreise zu dem vermuteten Ort meines Wohnheims stellte ich leider fest, dass dieses Haus ganz sicher kein Studierendenwohnheim ist. Aufgrund mangelnder Bulgarischkenntnisse (außer dem Wort für „Entschuldigen Sie!“ – „Извинете!/Iswinete!“, was wirklich sehr hilfreich war) habe ich versucht mit Englisch und Deutsch mein Wohnheim zu finden. Leider hatte die entsprechende Koordinatorin den falschen Stadtteil angegeben und ich habe erst nach 2,5 Stunden durch knöcheltiefen Schnee laufen mein Wohnheim gefunden. Dann auch schon das nächste Problem: Die E-Mail mit der Bestätigung, Zimmernummer, etc., die die Koordinatorin mir geschickt hatte, war in Englisch. Und natürlich nicht in kyrillischen Buchstaben. Zum Glück hat mir der nächste das Wohnheim betretende Student geholfen und meine Fragen übersetzt – dann war alles kein Problem und ich konnte direkt in mein Zimmer.

Abgesehen davon, dass das Wohnheim schwierig zu finden war, galt stets die Devise: Frag jemanden! – Internet, Einkaufsmöglichkeiten, etc. waren für mich ja unbekannt, aber ich habe immer jemanden auf der Straße gefragt. Sehr Viele können Englisch und von den älteren Leuten, die kein Englisch können, können einige Deutsch.

In der Uni wurde ich dann von einem Betreuer über die wichtigsten Dinge aufgeklärt (wo bezahle ich das Wohnheim, wo ist die Kantine) und er hat mich zu allen nötigen Stellen geführt und mir geholfen. Weitere Behördengänge waren nicht notwendig. Eigentlich muss man sich, sollte man länger als 90 Tage bleiben, bei der Polizei registrieren. Von allen Erasmusstudierende (etwa 100-150) hat das aber nur einer gemacht – ich habe dann darauf verzichtet. Es ist aber ratsam seinen Personalausweis immer mit sich zu führen, da der Verstoß gegen die Ausweispflicht mit hohen Strafen geahndet werden soll, auch wenn ich von niemandem gehört habe, dem das passiert ist. Allein(?) die mögliche Aussicht auf eine Nacht in einer bulgarischen Polizeistation ohne Verständigungsmöglichkeit sollte einem hier auch schon Anreiz genug sein.

Sprachkurs

Das Erlernen der kyrillischen Schrift in der bulgarischen Variante (die sich ein bisschen von der Russischen unterscheidet) ist absolut unerlässlich. Zahlreiche Hinweise sind zwar auch in lateinischer Schrift vorhanden – aber da man früher oder später ohnehin an einen Hinweis stoßen wird, der nicht transkribiert ist, lohnt es sich. Hierbei sollte man beachten, dass es gefühlte 100 Möglichkeiten gibt das Kyrillische in lateinische Zeichen zu transkribieren. Es lohnt sich zu wissen wie man es englisch und „ISO“ transkribiert und natürlich die deutsche Transkription. Ein großer Vorteil für Deutsche ist, dass das Transkribierte auch direkt als „Lautschrift“ dient – quasi alle Wörter werden dann genau so ausgesprochen, wie sie geschrieben werden. Alle in diesem Text verwendeten Wörter sind mit der deutschen Transkription geschrieben und werden eigentlich immer genau so ausgesprochen, wie sie geschrieben werden. Als Physiker hat man Vorteile, da man das griechische Alphabet sowieso auswendig kann und die kyrillische Schrift zu je 1/3 aus lateinischen, griechischen und eigenen Buchstaben besteht. Für die ersten Schritte sei einem mit Wikipedia geholfen. Sorry an dieser Stelle: mein Blog macht automatisch kyrillische Kursivschrift aus dem Kyrillischen, was ich hier rein kopiert habe. Ist aber vielleicht eine gute Gelegenheit, diese extrem oft verwendete und sehr verwirrende Variante zu lernen. Die Kursivschrift war hier übrigens schon mal Thema…

Ein Sprachkurs vorher ist natürlich noch viel besser – möglicherweise gibt es einen an der Uni. Ich habe einen an der Volkshochschule gemacht. An der VHS ist es allerdings kostenpflichtig und man bekommt nur Vergünstigungen, wenn man Einwohner Frankfurts ist. Das Buch „PONS – Powerkurs für Anfänger Bulgarisch“ kann ich empfehlen, es hat mir sehr weitergeholfen. Ein kleines Wörterbuch von Langenscheidt war auch immer ein nützlicher Begleiter.

Generell findet man eigentlich immer jemanden, der genug Englisch oder Deutsch kann, um einem weiterzuhelfen. Auch die Betreuer oder Studierenden vor Ort helfen einem immer weiter und man kann es vermutlich auch ohne Bulgarischkenntnisse schaffen sich hier durchzuschlagen. Für den Einkauf im Supermarkt oder das Essen in Lokalen ohne englische Speisekarte (die es aber überraschend häufig gibt, man muss nach „Английски меню/Anglijski Menju“ fragen [hier aber j etwa so, wie im Deutschen das i in „Nein“]).

Taxifahren wird außerdem billiger, wenn man die Inlandssprache beherrscht und außerdem kann man entschieden problemloser Fahrkarten für den Zug buchen, da auch am internationalen Fahrkartenschalter Fremdsprachen nicht unbedingt verbreitet sind.

Und – das verwirrenste und wichtigste hätte ich beinahe vergessen: in Bulgarien schüttelt man mit dem Kopf, wenn man „ja“ sagt – und nickt wenn man „nein“ sagt. Auch wenn man es weiss ist es sehr verwirrend und man wird sehr oft sehr verwirrt sein. Verkompliziert wird das ganze noch dadurch, dass manche Bulgarinnen und Bulgaren beim Englischsprechen die „übliche“ Geste machen.

Wohnsituation und –tipps

Das Wohnheim – ich wohne in Block 4 in Studentski Grad (http://osm.org/go/x1DGzckrR–) – ist sehr heruntergekommen und als ich auf der Suche war, wurde ich leicht enttäuscht, da der Nachbarblock 3 erst kürzlich renoviert wurde. Der Aufzug ist ein echter Schocker und bei der ersten Benutzung habe ich mich beinahe verletzt, da es keine Innentüren gibt. Dabei lernt man auch sehr schnell, dass das Leben in Bulgarien sehr viel „selbstverantwortlicher“ ist als in Deutschland. Insbesondere im Straßenverkehr sollte man aufpassen, insbesondere als Fußgänger. Nachdem der Aufzug also überlebt war, konnte man den Gang genießen, der eher an einen Gefängnisgang erinnert. Es ist ziemlich dunkel, es gibt nämlich nur eine Leuchtstoffröhre für etwa 30 Meter Gang.

Der Wohnheimgang in Block 4

Das Zimmer hingegen war eine positive Überraschung. Ich hatte sogar einen Kühlschrank! Allerdings hatte ich da wohl auch sehr viel Glück – nicht alle Erasmusstudierende hatten einen. Ebenso hatte ich den Luxus ein Zimmer nur alleine zu bewohnen – die Bulgaren und Bulgarinnen und auch manche Austauschstudierende müssen sich das Zimmer zu zweit oder gar zu dritt teilen. Dusche und WC ist in einer kleinen (kleinen!) Nasszelle – die haben aber alle Zimmer. Ein riesen Nachteil gibt es allerdings: Es gibt keinerlei Gemeinschaftsräume. Das bedeutet vorallem: keine Küche. Ich habe mir in einem kleinen Laden in Block 60 (http://osm.org/go/x1DGk1hqt–) dann nach 3 Wochen und der Hilfe von spanischen Studenten eine Kochplatte, einen Topf, Pfanne, etc. gekauft. Eine mehr oder weniger nützliche Ausstattung bekommt man für etwa 50 Euro. Für etwa 100 Euro die Vollausstattung.

Mein Zimmer am Ankunftstag

Die Miete beträgt zwischen 10 und 100 Euro, je nachdem bei welcher Universität man studiert, in welchem Block man wohnt oder in welchem Zustand das Zimmer ist. Für mein Zimmer habe ich ~ 50 Euro (104,50 Lewa) im Monat bezahlt, dazu kommen Nebenkosten. Für Heizung, Strom, Kalt- und Warmwasser sind es etwa 5 Euro gewesen. Internet gibt es im Zimmer aus einem Kabel. Damit es funktioniert muss man erst zu einer Internetfirma gehen (ich war bei Megalan.bg) und dort angeben, wo man wohnt. Nach ein paar Tagen kommt dann jemand vorbei, testet das Kabel und richtet einem den Computer ein. Ein Monat Flatrate kostet 12,50 Euro und das Internet ist mindestens 5 mal so schnell wie in Deutschland… Bezahlt wird alles jeden Monat in bar (Miete, Internet, Nebenkosten). Die Miete wird an einer Kasse in der Uni bezahlt, fürs Internet muss man jeden Monat das Büro des Anbieters aufsuchen – es gibt aber eins in Studentski Grad.

Das Zimmer war in einem top Zustand und ich habe in 5 Monaten lediglich 3 Kakerlaken erschlagen müssen (okay, während dem Schreiben dieses Berichts eine weitere – aber es hielt sich wirklich in Grenzen…). Das Bad war sehr sauber – allerdings sehr klein, in anderen Wohnheimen sind die Bäder größer. Die Zimmerausstattung variiert auch, manchmal gibt es nur ein Bett und einen Schreibtisch, manchmal Schränke. Nur wenige Zimmer haben Holzfußboden, meistens ist es Linoleum. Das kommt darauf an, wieviel Glück man hat.

Man kann auch in der Stadt oder in einem privat vermittelten Appartement in Studentski Grad wohnen, die Preise dafür liegen zwischen 200 Euro (Studentski Grad) und 300-400 Euro (im Zentrum) pro Monat. Wenn man in einer WG wohnen kann, ist es einfacher eine große Wohnung zu mieten. Wegen Wohnungen sollte man am besten das ESN-Team kontaktieren: http://www.erasmusbg.info/en oder bulgaria ät esnbg.org – dort wird einem auch bei den meisten anderen Fragen weitergeholfen. Quasi obligatorisch ist ebenfalls ein Facebook-Account – dort wird alles organisiert, was nicht direkt mit der Uni zu tun hat.

Bibliotheken und Fachbereichs-Infos, freie/eingeschränkte Kurswahl

Der Fachbereich, an dem ich studierte, war das „English Institute of Engineering“. Da die Vorlesungen alle in englischer Sprache sind, benötigt man dafür keine Bulgarischkenntnisse. Leider ist das Angebot an Kursen aber relativ eingeschänkt, da es nur drei Studiengänge im Master gibt. Genaueres kann man unter http://elfe.tu-sofia.bg/ im Punkt „Tution“ finden. Da ich außerdem eigentlich Physik studiere, brachte mir das Auslandssemester lediglich CP für mein Nebenfach. Die Kurse sind relativ kompliziert zu finden, da bis kurz vor Beginn des Semesters keiner so wirklich weiß, wann er stattfinden soll. Sollte er einmal stattgefunden haben, wird er mit Sicherheit bald wieder an einem anderen Datum, in einem anderen Raum oder zu einer anderen Uhrzeit stattfinden – man sollte sich also direkt am Anfang möglichst viele Handynummern ergattern. Vorzugsweise die des Dozenten – oder den Facebook-Kontakt der MitstudentInnen. In meinen Kursen wurde außerdem vieles über einen gemeinsamen Google-Mail-Account abgeklärt, der quasi als privates Forum fungierte.

Studentische Vergünstigungen, Transportmittel

Hinweis: Alle Preisangaben sind in „Lewa“, der Währung Bulgariens. Für Europreise einfach halbieren: 2 Lewa = 1 Euro.

Es ist möglich studentische Vergünstigungen zu bekommen. Am besten hat man dafür ein „Студентска книжка/Studentska Knijka“ (Vorsicht hier, das wird „Knischka“ ausgesprochen, da das „j“ dem „j“ in „Journal“ entspricht), ein „Studierendenbuch“. Leider bekommt man an der TU nicht so einfach eins – lediglich ein deutscher Mitstudent, der allerdings an der deutschen Fakultät studierte, hat es geschafft eins zu bekommen. Wenn man am Anfang darauf besteht, bekommt man vielleicht auch eins – mir war es irgendwann egal. Wenn man allerdings ein Studierendenbuch hat, bekommt man von der Eisenbahn großzügige 50% Rabatt (wenn man sich ein weiteres Kärtchen mit mindestens 3 Stempeln und einem Foto gemacht hat) und von den lokalen Nahverkehrsbetrieben 60%, dort muss man sich auch eine Karte machen.

Der Verkehr in Sofia besteht aus Bussen, Straßenbahnen und einer zum großen Teil brandneuen U-Bahn (2009). Eine Fahrt kostet 1 Lewa und man kann eine 10er-Karte kaufen, die nur 8 Lewa kostet – hier ist aber Vorsicht geboten: die einzelnen Fahrkarten gelten nur, wenn man noch die 10. Fahrkarte besitzt. Die Monatskarte kostet für Studierende 10 Lewa im Monat, für Nichtstudierende 50 Lewa. Schwarzfahren kostet 10 Lewa und hat keine weiteren Konsequenzen. Alle Preise sind vom Stand 2010 – da diese 2004 noch komplett halb so hoch waren, ist davon auszugehen, dass sie bald höher sind. Vorsicht: wenn man umsteigt, braucht man eine neue Fahrkarte. Außerdem kostet jedes Gepäckstück, das eine Kante hat, die länger als 60 cm ist, eine weitere Fahrkarte. Außerdem wird der Bus vom Flughafen so gut wie immer kontrolliert – und ich musste gleich bei meiner Ankunft 10 Lewa Strafe bezahlen, weil ich nur eine Fahrkarte hatte und mein Koffer 60,5 cm lang war…

Nachts oder wenn man zu zweit oder mehr ist, lohnt sich Taxifahren sehr schnell. Eine Fahrt vom Flughafen nach Studentski Grad kostet 8 Lewa, von Studentski Grad in die Stadt 7 Lewa. Nachts ist es etwas teurer. Beim Taxifahren muss man aber sehr aufpassen: Es gibt „Cheater-Taxis“, die für einen Kilometer den zehnfachen Preis nehmen! Prinzipiell ist es aber sehr einfach das zu vermeiden: An jedem Taxi muss außen dran stehen, was ein Kilometer kostet (2010: 0,59 Lewa Tags, 0,70 Lewa Nachts). IMMER, IMMER schauen, ob der Preis stimmt! Am Flughafen gibt es außerdem einen Counter, an dem man sich ein Taxi bestellen kann. Dort sagt man sein Ziel und bekommt einen Ausdruck mit der Taxinummer. Diesen Zettel sollte man nicht aus der Hand geben! In vielen Reiseführern wird außerdem empfohlen immer mit „OK Супертранс/Supertrans“ zu fahren. Bei OK-Taxi gibt es auch eine englischsprachige Hilfs-Hotline, die bei Problemen hilft. Leider gibt es sehr viele Taxis, die genauso aussehen wie „OK Супертранс“, aber kleine Unterschiede irgendwo im Logo haben und dann den zehnfachen Preis berechnen. Hier ist also Vorsicht angesagt! Immer auf die Preise auf der Windschutzscheibe oder am Seitenfenster schauen. Es ist vollkommen normal, das 2. oder 3. Taxi in einer Schlange zu nehmen, auch wenn das erste kein Cheater ist. Es gibt auch billigere Taxis „Една евро/Edna Evro“ (Ein Euro), die auch immer sehr zuverlässig waren. Allerdings gibt es auch hier scheinbar gleichaussehende Nachbildungen, die viel Geld verlangen – vor allem im Zentrum und am Flughafen.

Wenn man während der Fahrt Englisch oder Deutsch spricht, kann man Pech haben und der Taxifahrer fährt einen Umweg, es ist also ggf. ratsam sich während der Taxifahrt nicht zu unterhalten. Ebenso sollte man immer darauf achten, dass das Taxometer läuft, es wird manchmal auch während der Fahrt ausgeschaltet.

Sollte man diese Hinweise berücksichtigen, ist es eigentlich immer gut mit dem Taxi zu fahren, es ist schneller als der Bus und insbesondere vom Flughafen eine gute Alternative. In 5 Monaten hat auch nur ein Taxifahrer versucht mich auszunehmen (Taxometer ausgeschaltet), was dann aber mit ein paar Brocken bulgarisch und der Drohung, die Hilfshotline anzurufen zu lösen war.

Ein weiteres – und sehr spannendes – Verkehrsmittel sind die sogenannten „Marschrutka“. Dies sind Kleinbusse, umgebaute „Sprinter“ für 8-10 Personen, die auf bestimmten Linien fahren, wie Busse. Anhalten kann man sie an jeder Stelle durch ein Zuwinken, steigt ein und nachdem der Fahrer losgefahren ist entrichtet man den Obulus von 1,50 Lewa für eine Fahrt. Die Marschrutkafahrten aus Studentski Grad lohnen sich vorallem bei Fahrten zum Hauptbahnhof (Централна гара/Zentralna Gara), da dort Linie 5 und Linie 8 (zumindest 2010) direkt hinfuhren – man spart sich die Gepäckgebühr und muss nicht fürs Umsteigen extra lösen. Wenn man allerdings kein kryrillisch kann, wird es schwierig zu entziffern wo die Linien hinfahren. Man muss dem Fahrer außerdem irgendwie begrifflich machen, wo man aussteigen will. Dafür kann man überall aussteigen – es gibt keine Haltestellen. Marschrutka fahren ist viel schneller als mit dem Bus – vor der entsprechenden Fahrweise sollte man aber keine Angst haben.

Übrigens kommt das Wort Marschrutka aus dem deutschen „Marschroute“ und lässt sich dadurch ganz gut merken.

Sehenswürdigkeiten, Kurztrips Restaurants, Kneipen, Kinos, StudentInnenleben

Sofia hat als eine europäische Hauptstadt ein paar Sehenswürdigkeiten – auch wenn es nicht extrem viele sind. Es lohnen sich auf jeden Fall die Kirchen, sowie die Moschee und die Synagoge, außerdem einfach über die Straßen zu gehen und der Platz um das Theater Ivan Vassov (Иван Васов). Außerdem lohnt sich die Bojana Kirche, die etwas außerhalb liegt. Der Hausberg Sofias (Черни Връх/Tscherni Vrah) ist ein beliebtes und schönes Ausflugsziel. Im Sommer zum Wandern, im Winter zum Skifahren. An einen der vielen Ausgangspunkte zum Wandern oder Skifahren kann man von Studentski Grad aus mit dem Bus innerhalb von 10 Minuten kommen.

[Edit vom 15.07. 16:22 Uhr]

An dieser Stelle wurde ich darauf hingewiesen, dass das Hausgebirge Sofias das Витоша/Witoscha Gebirge ist. Deren höchste Erhebung ist der Черни Връх/Tscherni Vrah – weshalb ich ihn (fälschlicherweise) immer synonym verwende. Im Witoscha kann man natürlich viel mehr machen, als nur auf die höchste Spitze gehen. Und – wenn wir gerade dabei sind: im Deutschen wird je nach Laut das В mal zu V und mal zu W, einen Unterschied den es im Englischen so nicht gibt. Das führt dazu, dass das Gebirge auf Englisch und somit überall wo man es in nicht-kyrillisch geschrieben sieht „Vitosha“ heisst, korrekterweise nach Deutsch transkribiert aber „Witoscha“…

In Студентски град/Studentski Grad (dem „Vergnügungspark“ Sofias, von den Bulgarinnen und Bulgaren in Anlehnung an die deutsche Stadt „Студ.град/Stud.grad“ genannt) gibt es außerdem alles, was man zum Leben braucht. Gewaschen wird in einer der vielen Wäschereien (Пералния/Peralnija) – mindestens in jedem zweiten Block gibt es eine. Der zentrale Supermarkt Фантастико/Fantastiko (der von meinem Block leider 20 Minuten zu Fuß entfernt war) hat rund um die Uhr geöffnet. Die Lebensmittel kosten etwa so viel wie in Deutschland. Ungewohnterweise ist es in den kleinen Lädchen an jeder Ecke billiger als im zentralen Supermarkt. Es gibt auch Einkaufszentren (Billa, Kaufland) – diese sind aber nur mit längeren Fahrten zu erreichen.

Es gibt außerdem mindestens 200 Kneipen und Restaurants, 100 Dönerbuden, 5 Diskotheken und auch sonst alles, was man braucht. Es ist zudem alles spottbillig und meistens teurer für sich alleine zu kochen, als essen zu gehen. Ein Abendessen mit Vor- und Hauptspeise nebst zwei Bieren kostet im Schnitt etwa 8-12 Lewa (4-6 Euro). Zudem gibt es an jeder Ecke Pizzastücke zum Mitnehmen (wie bei Pizza hut) für 1-2 Lewa.

Leider ist es in den Wohnblöcken verboten zu feiern – es wird natürlich trotzdem gemacht. Man sollte sich aber darauf gefasst machen, dass nach 12 Uhr irgendwann die Polizei kommt und man danach in die Disko weiterziehen muss. Der Eintritt ist für Frauen immer frei, Männer müssen manchmal zwischen 2-5 Lewa bezahlen. Als Student kommt man aber auch meistens als Mann umsonst hinein. Ein Ausweis ist obligatorisch, selbst für manche Bars! Außerdem sollte man mit Sicherheitskontrollen rechnen, da in Bulgarien gerne mal Waffen frei spazieren geführt werden, was in den Diskos aber verboten ist.

Eine schöne, etwas alternative Disko ist das Строежа/Stroeja (gespr. “Streijscha“), in dem es Rockmusik gibt – die anderen Diskos sind eher „chic“. Es läuft meistens Techno/Elektro oder Chalga, bulgarische Volksmusik (wobei das aber nicht falsch zu verstehen ist, es hat mit deutscher Volksmusik rein gar nichts zu tun – trotzdem kann es immer angeblich keiner leiden. Die Chalga Diskos sind natürlich trotzdem randvoll).
Reise nach Bulgarien

Die Anreise nach Bulgarien ist mit dem Flugzeug, mit der Bahn und mit dem Auto möglich. Am besten reist man mit dem Flugzeug. Die Flugzeit beträgt 2,5 Stunden ab Frankfurt oder Frankfurt-Hahn. Wenn man rechtzeitig bucht, bekommt man den Hin- und Rückflug ab Frankfurt für 90-120 Euro, wenn nicht muss man 170 – 200 Euro auf den Tisch legen. Mit Wizz Air ist es seit Sommer 2010 möglich nach Sofia zu fliegen (gleicher Ankunftsflughafen, nur ein anderes Terminal) – dort bekommt man Flüge ab (!) 15 Euro pro Strecke plus 15 Euro pro Strecke für einen Koffer. Dazu muss man natürlich den Transfer nach Hahn rechnen. Mit ’normalen‘ Fluggesellschaften darf man 20 kg und 10 kg Handgepäck mitnehmen. Bei Wizz Air nur 10 kg Handgepäck – jeden weiteren Koffer muss man (bis zu 5 glaube ich) mit 15 Euro bezahlen, dafür darf jeder Koffer bis zu 32 kg (!) wiegen. Da ich bei meiner Anreise mit Lufthansa geflogen bin, konnte ich nur 20 kg mitnehmen, was aber glücklicherweise dank der guten Ausstattung im Wohnheim (Bett, Bettbezüge, etc.) reichte. Allerdings hatte ich am Anfang keine Küche und musste immer Essen gehen – was bei den Preisen aber kein größeres Problem darstellt.

Mit der Bahn gibt es einen Nachtzug von Wien direkt bis Sofia, der aber 100 Euro für zwei Richtungen kostet, wenn man ihn in Bulgarien bucht. Von Deutschland aus wird der Preis ein Vielfaches betragen. Dazu kommt noch die Fahrkarte nach Wien. Die Fahrtzeit ab Frankfurt ist 28 Stunden mit einmal Umsteigen in Wien – man durchquert dann noch Ungarn und Serbien. Für Serbien kann es nötig sein einen Reisepass zu haben (weil nicht EU-Land), außerdem sollte man die Zollbestimmungen vorher lesen.

Mit dem Auto kann man auch nach Sofia fahren, man sollte sich aber mindestens 2 Tage Zeit nehmen die 1.700 km zu absolvieren.

Sicherheit

Vor Diebstahl sollte man sich – wie in jeder Großstadt – in Menschenmengen in Acht nehmen. Von Diebstählen innerhalb der Erasmus-Gruppe habe ich aber nie etwas gehört und auch sonst gab es nie Probleme mit der Sicherheit. Es gibt gewisse Kneipen, die durch verdunkelte Scheiben auffallen und einen sehr an Mafia-Kneipen erinnern – dort habe ich des Öfteren auch Personen mit Schusswaffen in der Jeans gesehen. Ein wirklich gutes Gefühl gibt das einem nicht. Die Aufkleber an jeder Bank mit einer durchgestrichenen Pistole – „Waffen verboten“ – sind zunächst skurril, haben aber wohl durchaus ihre Berechtigung.

Es gibt – je nach dem wo man wohnt – in Studentski Grad auch dunkle Wege und Straßen. Es ist zwar etwas befremdlich zunächst (zumindest war es für mich so) – aber passiert ist nie irgendetwas.

Es ist entschieden gefährlicher im Straßenverkehr als in jeder Disko – beim Straße überqueren sollte man aufpassen und insbesondere am Zebrastreifen nicht dem Irrglaube unterliegen, irgendwer würde anhalten. Insbesondere die Marschrutka-Fahrer fahren wie die Henker, da sie bei Verspätungen bezahlen müssen…

Versicherungen/Visa

Die Krankenversicherung aus Deutschland gilt auch in Bulgarien, ggf. lohnt sich eine private Zusatzversicherung für einen evtl. Rücktransport in schlimmen Fällen. Es gibt große Unterschiede bei den Tarifen, bis 90 Tage kann man für 5 Euro im Jahr hinkommen und muss alle 90 Tage nach Deutschland zurückkehren. Wenn man länger bleibt kostet es da schnell 100, 200 Euro – und das ist bedeutend teurer, als ein früh gebuchter Wizz-Air Flug…

Eine etwaige Haftpflichtversicherung läuft aus Deutschland bis zu einem Jahr weiter – man sollte sich aber schriftlich bestätigen lassen, dass man im Ausland ist.

Ansonsten ist alles sehr entspannt, da Bulgarien EU-Mitglied ist. Visum oder ähnliches ist unnötig und man kann problemlos mit dem Personalausweis einreisen.

Tatsächliche Anerkennung der Studienleistung

Da ich noch ein weiteres halbes Jahr hier studiere, kann ich dazu nichts sagen. Was aber definitiv schwierig wird, ist die Tatsache, dass ich hier nicht wirklich Physik studieren kann. Ich versuche im zweiten Semester nur noch Informatik-artige Kurse zu belegen, damit ich diese als Nebenfach werten lassen kann. Durch die Bachelor- und Masterstudiengänge ist es schwierig, an ausländischen Universitäten Kurse zu finden, die in das Modulschema des Studiengangs passen. Ich bekomme zwar vermutlich alle Kurse anerkennt – kann sie aber für kein Modul nutzen (bspw. Bulgarische Sprache), da das nicht vorgesehen ist.

Finanzielles

Es empfiehlt sich entweder ein bulgarisches Konto zu machen oder in Deutschland eine Kreditkarte mit der das Abheben umsonst ist (ich war bei der Deutschen Kreditbank). Geldautomaten gibt es nicht nur sprichwörtlich an jeder Ecke, in manchen Wohnheimen sogar im Eingang, in der Universität weitere 5. Die Währung in Bulgarien ist der „Lew“ und fest an die D-Mark und damit an den Euro gekoppelt. Der Vorteil einer Kreditkarte gegenüber einem bulgarischen Konto ist: Man kann jeden Geldautomat benutzen.

Das Leben in Bulgarien ist sehr viel günstiger als in Frankfurt. Als Faustregel kann man ganz gut sagen, dass vieles nur etwa ein Viertel kostet. Abendessen kann man für 3-7 Euro, ein Bier kostet zwischen 75 Cent bis 1 Euro, in der Disko können es auch mal 2 Euro sein. Preise für andere Getränke entsprechend.

Auch wenn alles spottbillig ist, ist man schneller sein Geld los, als man glaubt – man sollte also doch hin und wieder einen Blick aufs Konto werfen. Da eigentlich jeden Abend Essen gegangen und Party gemacht wird, geht das auch bei den niedrigen Preisen schnell ins Geld…

Typisch bulgarisch ist der Mangel an Kleingeld. Es ist öfter vorgekommen, dass ich Dinge nicht kaufen konnte oder nach einer Taxifahrt erstmal irgendwo einen Kaffee kaufen musste, damit ich genug Kleingeld hatte. Im Zweifel also immer viel Münzen und kleine Scheine dabei haben. Taxifahrer nehmen dann auch „sehr gern“ ein höheres Trinkgeld in Kauf – eine Taxifahrt von 7 Lewa, die mit einem 10 Lewa-Schein ohne Rückgeld bezahlt werden soll, ist nicht gerade ungewöhnlich.

Zugfahren ist sensationell günstig. Die Fahrt einmal quer durch Bulgarien (Sofia-Varna) kostet hin und zurück ohne Studierendenenermäßigung 32 Lewa. Man muss aber die Hin- und Rückfahrkarte auf einmal kaufen und nach der Ankunft im Zielbahnhof abstempeln lassen, damit man 30% Rabatt bekommt. Das ist etwa so viel wie im RMV für die Strecke Wiesbaden – Frankfurt…. Es lohnt sich ggf. mit der ersten Klasse zu fahren, das Ticket ist nur unwesentlich teurer: 41 Lewa. Es ist dann zwar nicht komfortabler, aber leerer. Die Fahrt aber auch knapp 8 Stunden für 600 km. Angeblich gibt es sogar Züge mit Klimaanlage. Bis Ende des Jahres will man sogar WLAN in den Zügen einführen. Beim Surfen sollte man aber nicht zu viel Trinken: die Toiletten sind nur hin und wieder benutzbar.

Kontakte zu netten StudentInnen

Wer Facebook hat und wenigstens 1, 2 Personen in der Uni oder bei den Donnerstags stattfindenden Erasmus-Partys trifft, findet schnell nette Leute. Es hilft möglicherweise vorher in der entsprechenden Facebook-Gruppe Mitglied zu werden und dort nach „Leidensgenossen“ zu fragen: http://www.facebook.com/pages/ESN-Bulgaria/252054180423

Das ESN-Team macht in Bulgarien auch viele wirklich schöne, interessante und nicht teure Trips. Verpasst nicht die Trips nach Istanbul und in die Rhodopen! Man wird selbst nie so gut organisierte Reisen bekommen, wie es die Trips des ESN sind.

Fazit

Bulgarien ist ein wunderschönes Land und möglicherweise eins der abenteuerlichsten in der Europäischen Union. Wenn man bereit ist, ein wenig andere Lebensarten zu akzeptieren und sich nicht wegen jeder Kleinigkeit aufregt, ist man hier wunderbar aufgehoben. Das Leben ist sehr entspannt, man hat oft sehr viel Zeit – es wird sich aber auch oft viel Zeit gelassen. Warten sollte man also gelassen entgegensehen. Dass der Bus manchmal 45 Minuten nicht kommt – kommt halt vor – dann muss man eben noch so lange einen Kaffee trinken. Die Eisenbahn hat auch mal Verspätungen von mehreren Stunden, ein großes Problem ist das aber eigentlich nicht. Ich habe hier gelernt, einfach die Dinge gelassen zu sehen und werde das hoffentlich zu einem guten Teil auch in Deutschland können. Man lernt allerdings auch deutsche Annehmlichkeiten wie schlaglochfreie Bürgersteige und unfassbar pünktliche Busse zu schätzen. An vielen Stellen fühlt man sich ein bisschen in die Vergangenheit versetzt – an manchen Stellen dafür aber auch in der Zukunft. Es ist ein beeindruckendes Nebeneinander von Alt und Neu und auch die Art und Weise mit der man in Bulgarien Probleme löst, ist wahnsinnig pragmatisch und interessant.

Ich kann jedem nur ein Auslandssemester oder besser -jahr empfehlen! Auch wenn man erstmal denkt: „Bulgarien? Ist das nicht irgendwo zwischen Pakistan und dem Iran?“, sollte man sich nicht abschrecken lassen. Jeder, der außerdem eine gewisse Grundsympathie für den Osten Europas hat, wird sich hier wohlfühlen und zurechtfinden. Man sollte allerdings keine Angst vor Hunden haben, die hier rudelweise über die Straßen laufen. Der herumliegende Müll gehört auch nicht unbedingt zu den Annehmlichkeiten Sofias und Bulgariens, da mit sollte man leben können.

Dafür – da im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern in Bulgarien die 175 Euro Erasmusförderung mehr als nur die Miete abdecken – kommt man hier sehr gut

zurecht. Ebenso ist die Wohnsituation – verglichen mit dem, was ich von Freundinnen und Freunden gehört und in den Erfahrungsberichten gelesen habe schlimmstenfalls genau so schlecht wie anderswo – und mit großer Wahrscheinlichkeit eher besser.

Wer allerdings schon immer gerne nach Oxford, London oder Paris gehen wollte und Bulgarien als „Notlösung“ ansieht, ist hier möglicherweise falsch. Wenn man nicht eine gewisse positive Grundhaltung mitbringt, kann es schwierig werden. Wer nicht „mal Fünfe gerade sein lassen“ kann und nicht im entferntesten das eine oder andere „Abenteuer“ erleben will, sollte sich lieber nach anderen Orten umsehen….

Wer Fragen zum Auslandssemester in oder zu Bulgarien hat, kann mich gerne kontaktieren – ich stehe gerne für Auskünfte zu Verfügung.

In diesem Sinne: Довиждане и лека нощ!

Tags: Bulgarien · Sofia · TU Sofia · Wohnheim